Der Freiwilligkeitsmythos: Warum Nachfolge selten so frei ist, wie wir es gern erzählen.

«Ich habe mich freiwillig entschieden.»
Ein Satz wie aus dem Lehrbuch moderner Lebensführung. Autonom und reflektiert. Und doch eine der wirkmächtigsten Erzählungen in der Unternehmensnachfolge.
Wer genauer hinschaut, und zwar nicht theoretisch, sondern biografisch, merkt schnell, dass Nachfolgeentscheidungen selten auf einer weißen Leinwand entstehen. Sie wachsen, reifen und werden selbstverständlich, lange bevor sie bewusst ausgesprochen werden. Genau hier beginnt der Freiwilligkeitsmythos.
Er ist kein Täuschungsmanöver und schon gar kein Vorwurf. Er ist eine nachvollziehbare, oft gut gemeinte Erzählung, mit der unternehmerische Familien zwei Welten miteinander verbinden, d.h. den gesellschaftlichen Anspruch auf Selbstbestimmung und die familiale Logik von Kontinuität, Verbundenheit und Verantwortung.
Freiwilligkeit als hilfreiche Erzählung
In Nachfolgeprozessen wirkt Freiwilligkeit häufig stabilisierend. Sie entschärft heikle Machtfragen [«Du kannst selbst entscheiden»], entlastet Übergeber [«Wir wollten keinen Druck ausüben»] und schützt Nachfolger:innen davor, sich vorschnell festlegen oder rechtfertigen zu müssen.
So entsteht ein gemeinsamer Deutungsraum, in dem Übergänge möglich werden. Freiwilligkeit ist dabei weniger der Ausgangspunkt einer Entscheidung als ihr Sinnrahmen. Sie hilft, innere Spannungen auszubalancieren und Widersprüche auszuhalten. Denn Nachfolge ist selten eindeutig. Genau dafür bietet diese Erzählung Halt.
Vier typische Wege in die Nachfolge
Schaut man genauer hin, lassen sich unterschiedliche Muster erkennen, wie Menschen in die Nachfolge hineinfinden. Sie unterscheiden sich deutlich und doch eint sie etwas: Die Entscheidung erscheint im Rückblick meist stimmig.
Seinsverbundenheit
Das Unternehmen ist Teil der eigenen Lebenswelt. Nachfolge fühlt sich nicht wie eine Entscheidung an, sondern wie eine Fortsetzung dessen, was ohnehin da ist.
Ressource: tiefe Identifikation
Herausforderung: Raum für eigene Abgrenzung schaffen
Alternativlosigkeit
Nachfolge wird sachlich begründet mit Stabilität, Verantwortung, Perspektive. Andere Wege erscheinen weniger passend oder realistisch.
Ressource: Pragmatismus
Herausforderung: eigene Wünsche ernst nehmen
Erwartungserfüllung
Loyalität und Verantwortungsgefühl stehen im Vordergrund. Erwartungen von Familie, Umfeld oder Unternehmensgeschichte werden mit großer Verlässlichkeit aufgenommen.
Ressource: Verbindlichkeit
Herausforderung: Ambivalenzen aussprechbar machen
Kalkulierte Entscheidung
Nachfolge als bewusste Abwägung von Chancen und Risiken. Die Entscheidung wirkt und ist souverän. Gleichzeitig zeigt sich, dass sich nicht jede Option emotional gleich zugänglich anfühlt.
Ressource: Klarheit
Herausforderung: auch das Nicht-Rationale zulassen
Ambivalenz wertschätzen
Die zentrale Erkenntnis für die Praxis lautet nicht, dass Freiwilligkeit falsch ist.
Sondern, Freiwilligkeit allein reicht nicht, um Nachfolge zu verstehen.
Ambivalenz ist kein Störfaktor, sondern ein normaler Begleiter von Übergängen. Sie entsteht dort, wo Verantwortung, Bindung und individuelle Lebensentwürfe aufeinandertreffen. Herausfordernd wird es erst, wenn diese Ambivalenzen keinen Raum bekommen, weil alle Beteiligten es gut meinen und Harmonie bewahren wollen.
Zum Schluss: Ein Plädoyer für leise Ehrlichkeit
Der Freiwilligkeitsmythos erfüllt eine wichtige Funktion. Er schützt Beziehungen, ermöglicht Übergänge und bewahrt Würde. Und doch lohnt es sich, ihn behutsam zu ergänzen. Und zwar nicht um Schuld zu verteilen, sondern um Gespräche zu öffnen.
Denn tragfähige Nachfolge entsteht nicht dort, wo alles eindeutig ist, sondern dort, wo Bindung, Verantwortung und eigene Wünsche nebeneinander bestehen dürfen und gemeinsam weitergedacht werden.
Esther-Marie Wulf ist auf einem landwirtschaftlichen Familienbetrieb aufgewachsen. Fragen von Verantwortung, Verbundenheit und Übergabe prägten ihren Alltag früh, auch wenn die Nachfolge in der Familie von Beginn an auf ihren Bruder ausgerichtet war. Gerade diese Beobachterinnenperspektive weckte ihr nachhaltiges Interesse an Nachfolgeprozessen in Familienunternehmen. Dieses vertiefte sie im Studium und später in ihrer Dissertation. Nach der Promotion wandte sich Esther dem Feld Learning & Development zu. Sie sammelte Erfahrung als Personalentwicklerin in unterschiedlichen Unternehmen und Branchen. Heute arbeitet sie nicht im Kontext von Familienunternehmen, bringt ihre wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Nachfolge jedoch als reflektierende Perspektive in ihre Arbeit mit Menschen und Organisationen ein.

