Von Prometheus bis ChatGPT: 3 Pragmatische Thesen zum Umgang mit KI.

Prometheus wurde für sein beherztes, optimistisches und innovatives Handeln aufs Härteste bestraft.
Der Halbgott brachte den Menschen das Feuer und wurde dafür an einen Fels im Gebirge geschmiedet, wo ihm täglich ein Adler von der Leber fraß – ein Symbol für die Kosten und Leiden des Fortschritts.
In Deutschland denken wir beim Feuer häufig zuerst an den Leber-fressenden Adler. An die Gefahr des Neuen. Diese Sorge, dass wir wie Prometheus auch bestraft werden könnten, wenn wir uns auf Innovationen einlassen, ist tief in der deutschen Gesellschaft verankert. Und das, obwohl unser Wohlstand auch technologischen Innovationen und mutigen Unternehmer:innen zu verdanken ist.
Die ersten großen Digitalisierungswellen waren vor allem eines: zu vorsichtig, zu zaghaft, zu wenig. Nun wartet mit künstlicher Intelligenz die nächste große Innovation darauf, als Grundlagentechnologie genutzt zu werden.
Gerade familiengeführte Mittelständler haben Chancen wie lange nicht mehr, wie anhand der folgenden drei Thesen deutlich wird.
1. Paradigmenwechsel statt IT-Projekt
KI ist nicht «das nächste IT-Projekt», sondern ein neues Betriebssystem für Wirtschaft und Gesellschaft – die Technologie verändert, wie wir denken und wie wir arbeiten.
KI ist anders: Sie ist beides zugleich – Grundlagentechnologie (wie etwa die Elektrizität oder das Internet) und Innovationsmaschine (wie der Computer oder das Mikroskop).
Diese Kombination ermöglicht sowohl zügige Effizienzgewinne durch die Anwendung von KI als auch beschleunigte Innovation und Wachstumschancen in den verschiedensten Branchen.
2. KI verändert die DNA der Arbeit
Siemens-CEO Roland Busch sagte auf der Hannover Messe 2025: «Die nächste Generation von Managern wird ein Team aus Menschen und KI-Agenten leiten.»
Produkte wie ChatGPT sind recht passive Werkzeuge, so wie ein Hammer für eine Handwerkerin oder ein Taschenrechner für einen Buchhalter.
KI-Agenten sind eher vergleichbar mit einem digitalen Mitarbeiter, der verschiedene Werkzeuge nutzt und teilweise selbstständig Aufgaben erledigt: Ein Buchhalter braucht möglicherweise einen Taschenrechner, einen Computer und verschiedene Software-Programme wie etwa Excel und Lexware, um die monatliche Buchhaltung zu erledigen. Der Buchhalter kombiniert also verschiedene (digitale) Tools, um ein Ziel zu erreichen (die monatliche Buchhaltung).
KI-Agenten machen das virtuell: Sie ketten verschiedene digitale Tools aneinander und können so Aufgaben mit klar definierten Zielen autonom oder mit sehr wenig menschlichem Zutun ausführen.
So wird mehr mit weniger möglich: europäische Startups wie Lovable oder ElevenLabs schaffen wenige Jahre nach Gründung mit unter 50 Mitarbeitern über 100 Mio. $ Umsatz im Jahr. Manche dieser Unternehmen sind bereits profitabel.
Familienunternehmen sollten diese Dynamik als absolute Chance sehen. Mithilfe von simplen KI-Tools und teilweise auch KI-Agenten können Kosten und Aufwände für repetitive Prozesse gesenkt werden. Dadurch wird mit der bestehenden Belegschaft deutlich mehr möglich. Eine der größten Herausforderungen des Mittelstands, der Fachkräftemangel, kann so endlich eingedämmt werden.
3. Die Risiken sind real – die Chancen aber auch
KI-generierte Bilder und Videos verwischen Realität und Virtualität. KI-Personalisierung verstärkt digitale Filterblasen: jeder bekommt seine eigene Wirklichkeit. Der hieraus entstehende gesellschaftliche und politische Sprengstoff ist nicht zu vernachlässigen.
Diese realen Risiken dürfen jedoch keine Ausrede sein, sich nicht mit den ebenso realen Chancen zu befassen. Der Mittelstand kann hier profitieren, auch über Effizienzsteigerungen hinaus: über Jahrzehnte angesammeltes Wissen über die eigene Industrie, Prozesse und Produkte sowie tiefes Vertrauen von Kund:innen können durch KI gehebelt werden. So entstehen Wachstumschancen für die nächsten Generationen.
Deutschland mangelt es selten an Kompetenz, sondern zu oft am Mut, diese Kompetenz auch einzusetzen und dabei Bewährtes zu hinterfragen.
Entweder versuchen wir nur, uns vorm Adler zu verstecken, oder werden der deutsche Prometheus – und lassen uns darauf ein, dass Wandel immer auch mit Herausforderungen verbunden ist.
Familienunternehmen haben jetzt die Chance, sich pragmatisch auf die Zukunft auszurichten. Bewusst und bedacht, aber auch beherzt.
Cord Schmidt ist Gründer & Geschäftsführer von Just Forward, einer KI-Beratung für den Mittelstand. Just Forward hilft Unternehmen dabei, Künstliche Intelligenz zu verstehen, konkrete Anwendungsfälle zu finden und sie pragmatisch umzusetzen.
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