Von Hand zu Hand: Die Tradition als lebendigen Prozess verstehen.

In unternehmerischen Familien geht es um einen respektvollen Umgang der Generationen miteinander. Dieser Respekt zeigt sich dabei insbesondere im Blick auf das, wo alles herkommt und somit auch das, was wir als (Familien-)Tradition erleben. Wie das gelingt, ist eine Frage, die viele vor allem dann bewegt, wenn sie sich den Nachfolgefragen nähern.
Oft, so scheint es, wird der Begriff der Tradition dabei mit Begriffen wie «altertümlich» oder auch «starr» in Verbindung gebracht und als etwas verstanden, das der Erneuerung, Innovation und Veränderung als Kontrast gegenübersteht.
Werfen wir jedoch einen Blick auf die etymologische Herkunft des Begriffs, zeigt sich, dass dessen Wurzeln interessanterweise im lateinischen «trāditiō» liegen – einem Wort, das selbst auch so viel wie «Übergabe» bedeutet. Das lädt dazu ein, von dort aus weiterzudenken: Wenn wir Tradition innerlich als ein Bild betrachten, ist darin schon angelegt, dass etwas – bspw. an eine nächste Generation – weitergegeben wird. Diesem Blick auf dieses Übergeben von Generation zu Generation, von Hand zu Hand, wohnt schon inne, dass es immer wieder eine neue Generation, eine neue Hand ist, die das zu Übergebende ergreift – und dem auch etwas Neues hinzufügt; die das, was war, in das tradiert, was ist. So ist die Tradition schon selbst ein Prozess – ein Entwickeln und Bewegen und steht gar nicht im Gegensatz zu dem, was viele mit Erneuerung verbinden. Vielmehr scheint die Tradition so – wenn wir sie selbst bewusst als ein Übergeben verstehen – Entwicklungsprozessen noch eine sehr stärkende Kraft hinzuzufügen.
Im konkreten Blick auf die Tradition einer Familie, eines Unternehmens oder auch Vermögens geht es also scheinbar nicht darum, eine Veränderung anzuhalten, sondern sie vielmehr aktiv zu gestalten, indem wir uns in Einklang mit dieser lebendigen, ständigen Veränderung setzen und aus dieser Verbundenheit heraus wirken. Wir können uns fragen, wie bewusst uns diese – zunächst oft impliziten – Bewegungen sind und wie wir sie explizit – und somit auch gestaltbarer – machen können. Das gelingt uns umso besser, je mehr wir uns unserer selbst bewusst sind und auch im gemeinsamen Gespräch.
Wenn die Tradition uns nun im Kontext der Nachfolge bewegt, können wir verstehen, dass darin etwas Prozessuales, Langfristiges liegt. Es ist ein Prozess, in dem es auch jeweils darum geht, Vertrauen zu entwickeln, dass die nächste Generation – auch wenn wir es als übergebende Generation selbst vielleicht ganz anders machen würden – einen für sich guten Weg finden wird. Einen Weg, der das, was das Wesen der unternehmerischen Familie, des Unternehmens und Vermögens ausmacht, in einer tradierenden, lebendigen Entwicklung berücksichtigt und stärkt. Praktisch bedeutet das ganz einfach, uns im Generationendialog auf einen Weg zu machen, der generationendienlich wirkt.
Illustration: Johanna Benz
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